Ab in den Regen

vom Start des 600 km Brevet / 25.06.2016

Beim Aufstehen hatte ich meine Probleme. Dabei wollte ich nur kurz fotografieren, wie Andere aufs Rad steigen und losfahren. Aber es war noch dunkel. Mitten im Sommer, 2 Stunden nach Sonnenaufgang. Cameron will noch ein wenig weiterregieren und dann soll der Nachfolger den Brexit erklären. Weiter südlich in der Republik ist eine Bahn entgleist (Erdrutsch) und ein Freiluftkonzert wurde abgebrochen. Wenn die Bahn nicht fährt und man sich das Hirn nicht mit lauter Musik zu dröhnen lassen kann, ist Rad fahren eine echte Alternative. Theoretisch betrachtet.

Als Organisator freut man sich, wenn es zum Start trocken ist. Und wenn die Radfahrer dann unterwegs sind, ist es sowieso egal. Das ist aber mehr die Sichtweise eines RTF-Veranstalters. Beim einem Brevet gehört es zum guten Ton mitzufahren. Jochen weiß das und er fährt einen englischen Fahrradrahmen. Am Start in Ahrensburg war es trocken, trotzdem gab es Absagen. Aber es bestand Hoffnung auf das Glück einer einigermaßen trockenen Tour. Wetterberichte und Unwetterwarnungen werden in der Regel sowieso weit überschätzt. Das Glück der sieben Starter dauerte bis Großensee. 

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Kommentare

Schön gescheitert

Nachdem mir meiner Frau gegenüber am Ende doch noch rausgerutscht ist, dass die „etwas längere“ Tour, an der ich teilnehmen wollte, 600km lang ist, bestand sie darauf, mich mit dem Auto zum Start zu bringen. Als sie dann dort beobachten musste, wie ich – ihr spiddeliger Ehemann – mich einer Gruppe von 6 gut durchtrainierten Radsportlern anschloss, wünschte sie mir mit dem ihr eigenen Sarkasmus viel Glück, stieg kopfschüttelnd ins Auto und fuhr davon. Gewohnt prosaisch verlaufen Anmeldung und Startzeremonie, dann geht es los. Bereits nach wenigen Kilometern fängt es an zu regnen, allerdings ist es warmer Regen, geht eigentlich. Nachdem der Regen aufhört, trocknet alles schnell wieder, mit Ausnahme der Socken in den Schuhen. Schnell teilt sich das eh überschaubare Feld in eine schnelle und eine etwas langsamere Gruppe, wobei mir auffällt, dass die treibenden Kräfte in der schnellen Gruppe die beiden Sportsfreunde sind, die sich beim Start darauf verständigt hatten, heute „ganz ruhig“ zu fahren. Bei Lauenburg überqueren wir die Elbe, Regentropfen fallen nun kaum noch. Kurz vor Hitzacker werden wir wieder nass, aber diesmal vor Schweiß am Kniepenberg. Hier scheidet ein Fahrer unserer Gruppe aus und so radeln Jan und ich alleine weiter. Und zwar in ein beeindruckendes Gewitter, das uns in einem Bushäuschen hinter Lüchow Schutz suchen lässt. Der Regen prasselt, in unmittelbarer Nähe schlagen Blitze ein, mit etwas Unbehagen bemerken wir, dass das Bushäuschen aus Stahlrohren gefertigt ist. Da offenbar auch alle Bremsen der Gegend hier Schutz (oder Blut) suchen, fahren wir weiter, sobald der Regen dünner wird.
Sehr schnell ändert sich nun das Wetter und aus dem trüben Tag wird ein sonniger und sehr warmer. Der Wind aus westlicher Richtung frischt auf und nachdem wir uns in Ahrendsee mit Sonnenschutz eingecremt haben fahren wir durch wunderschöne, menschenleere Landschaft Richtung Osten weiter. Bei Tangermünde überqueren wir die Elbe und machen dann in dem Ort Fischbek Rast auf einer Bank, die mit Schnitzereien verziert ist. Sie zeigen einen Hubschrauber, an dem ein Sandsack hängt, zur Erinnerung an den Bruch des Elbdeichs, zu dem es hier 2013 kam. Hinter Genthin merke ich, dass meine Kräfte merklich nachlassen, denn an den kleinen Steigungen, die es hier und da gibt, muss Jan immer auf mich warten, oder richtiger gesagt, er tut es freundlicherweise. Und in Brandenburg an der Tankstelle überlege ich, ob ich nicht zum Bahnhof fahren und mich in den Zug setzen sollte. Jan empfiehlt mir eine Cola und tatsächlich geht es mir mental wieder besser, wenn ich auch an den Steigungen immer noch heftig puste. Und so kommen wir in guten Stimmung in Nauen an und machen in dem lauen Abend ausgiebig Pause.
Hier beginnt nun die Nachtfahrt, eine für mich neue Erfahrung, vor der ich gehörig Respekt habe. Doch zunächst geht alles gut, die am Freitag montierte Beleuchtung (Dynamo) funktioniert tadellos, das Navi zeigt den Weg. Und der ist bekannt von HH-B, nur eben umgekehrt. Etwa in Paulinenaue frischt der Wind, der sich vor einigen Stunden völlig gelegt hatte, plötzlich wieder auf und es wird schlagartig um 5 Grad kühler. Regentropfen. Unser Tempo sinkt von so bei 28 auf 23, und es ist von nun an nur noch Jan, der vorne fährt, ich komme nur mit Mühe hinterher. Die gefürchtete Allee der Depressionen hinter Rhinow kostet Kraft, physisch und psychisch. Der Wind pfeift, die Bäume rauschen, die Telefondrähte singen, abgerissene Zweige auf der Straße. Erschöpft erreichen wir Havelberg, wo uns die freundliche Bedienung an der Tankstelle hereinlässt und mit Kaffee und Snacks wieder etwas aufbaut. Doch angesichts des nach wie vor heftigen Windes und unser verschiedenen Wehwehchen beschließen wir, die Bahn in Wittenberge zu nehmen. Bis dahin kämpfen wir uns, also kämpft Jan sich gegen den unvermindert heftigen Wind mit mir im Schlepptau durch den beginnenden Sonntag. Wir erreichen den Bahnhof um halb sechs, passen für den Zug um 6:04. Die 600km haben wir nicht geschafft, es waren am Ende nur 435. Aber für uns beide war es die bisher längste Fahrt. Und das nächst Mal schaffen wir es vielleicht, versuchen werden wir es.
Im Zug sieht Jan im Handy, dass der erste Starter das Ziel in Ahrensburg um 7:45 erreicht hat, 600km in weniger als 24 Stunden. Ganz ruhig eben.
Vielen Dank an Jochen und den Audax Club für diese schöne Veranstaltung! Wer mal einen abwechslungsreichen, erlebnisreichen, anstrengenden, aber auch erfüllenden Tag erleben möchte, möge sich das für das nächste Jahr vormerken.